Die Zeit und der Geschirrspüler

Geschirrspüler

Spülmaschinen sind wenig kommunikativ. Was Frauen dagegen in hohem Maße sind. Als kleiner Junge, in den frühen 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, fand ich es deshalb höchst interessant, auf dem breiten Küchenfensterbrett des elterlichen Hauses zu thronen und dem bunten Treiben zuzusehen, das sich vor meinen Augen abspielte. Zuerst bei der Zubereitung der Speisen (ich war als Topfgucker weltberühmt), später bei der Beseitigung des dabei entstandenen Chaos.

Was heute viele Menschen nur noch aus alten Filmen kennen, wurde damals noch täglich praktiziert. Es wurde gekocht und danach gespült. Von Hand.

Speziell bei großen Familienfesten war der Spülgang eine wichtige Informationsaustausch-Börse. Während die Männer über Politik, Sport, nur Fußball oder Geschäfte bei einem Glas Cognac (Asbach Uralt) und womöglich einer dicken Zigarre brummelten, trafen sich die Frauen in der Küche um gemeinsam abzuspülen und aufzuräumen.

Dabei wurden Themengebiete behandelt, die mir als Junge meist gar nichts sagten. Von „ausgebliebenen Tagen“, vom geheimnisvollen „O.B.“, von praktischen und unpraktischen Strumpfhaltern, von Hawai Toasts, von Bohnenkaffee, von Engelmacherinnen, von Krebs und Kröpfen, von „Verhältnissen“ und nicht zuletzt von geplanten Scheidungen war da die Rede. Ein Grund mehr für mich solchen Zusammenkünften möglichst oft beizuwohnen, um über all diese fremden Wissensgebiete möglichst viel zu erfahren und irgendwann auch einen Zusammenhang zu meinem eigenen Leben herstellen zu können.

Die Zeit und der Geschirrspüler

Die moderne Frau die es sich leisten kann, hat sämtliche Ratgeber und Tests über Spülmaschinen gesehen, bevor sie ihre Küche geplant hat. Sie sucht sich Webseiten die heißen könnten „Geschirrspüler im Test“ und entscheidet sich am Ende womöglich für eine echte Miele, weil das die Firma ist, die schon 1929 die erste elektrische Spülmaschine Europas gebaut hat. Obwohl es früher ja hieß: Bauknecht weiß was Frauen wünschen.

Deshalb gibt es solche Treffen heute nur noch sehr selten. Und wenn, werde ich nicht mehr auf das Fensterbrett der Küche gesetzt, sondern schnell hinaus komplimentiert.

Es gibt übrigens mehrere mögliche Klassifizierungen von Geschirrspüler-Nutzern in Deutschland.

Die einen stopfen immer alles in die Spülmaschine. Sie nehmen dabei zum Beispiel auch in Kauf, dass Beschichtungen von Töpfen und Pfannen zerstört, die Holzgriffe von teuren Messern aufquellen, die Klingen dabei schnell stumpf werden. In diesen Haushalten läuft die Spülmaschine jeden Tag. Egal wie wenig Geschirr in der Maschine ist.

Eine zweite Kategorie gehört zu den totalen Energieverschwendern. Diese Menschen haben wenig Vertrauen in die Technik, sie reinigen jeden Teller unter fließendem Wasser, bevor sie ihn trotzdem in die Maschine füllen.

Richtig ist übrigens, dass eine moderne Spülmaschine nur halb so viel Wasser verbraucht, wie Handspülgänge. Nebenbei kann noch bemerkt werden, dass ca. 67% der privaten Haushalte in Deutschland eine Spülmaschine besitzen.

Zum Schluss noch ein Geständnis in eigener Sache. Es gibt Filmszenen, von wunderbaren Chaos-Familien-Veranstaltungen, in denen die Kamera in Bildern von Küchen schwelgt, die aussehen, als hätte eine Bombe darin eingeschlagen. Auch noch am Morgen nach dem rauschenden Fest.

So etwas gibt es bei uns nie. Wir stopfen selbstverständlich auch jede Form von Gläsern, Tassen, Tellern und alle Besteckteile, die nicht aus Holz sind, in unseren Geschirrspüler. Aber alles andere wird abgespült. Schüsseln, Töpfe, Pfannen, Messbecher. Täglich. Ganz besonders nach Festivitäten. Und sei es um 4:30 morgens! Noch bevor wir uns endlich schlafen legen.

Dabei wird das Fest und die Gäste ein bisschen analysiert. Wie es ihnen wohl gefallen hat, wie’s ihnen geht und wie es ihnen geschmeckt hat. Die Qualität der Speisen und Getränke wird besprochen. Und manchmal sprechen wir über die Themen, die mir als kleiner Junge so fremd waren. Und dann bin ich froh, dass ich als Knirps so gut aufgepasst habe.

Die Küche unten ist übrigens nicht unsere 😉

Geschirrspüler
Der Geschirrspüler ist aber schon bereit

8 Antworten : “Die Zeit und der Geschirrspüler”

  1. WildeHenne sagt:

    Als ich Kind war, hat sich das genauso abgespielt wie bei Euch zuhause, das heisst, es gab einen winzigen Unterschied: Bei uns hat mein Vater die Küche aufgeräumt und Muttern sass mit dem weiblichen Besuch im Wohnzimmer bei einem Glas Wein. Ich war bei den Männern in der Küche, klar doch – denn die interessanten Gespräche fanden immer in der Küche statt: «der neue Jagdhund vom Seppi taugt nichts, den kann man verwursten» oder «hast Du die neue 4.-Klass-Lehrerin gesehen, uii, die hat Holz vor der Hütte» oder «der Burri Dänu hat einen neuen Schlitten… selbst gekauft…? Dass ich nicht lache… der fährt jetzt eine Frau Doktor durch die Gegend, macht sich total zum Deppen».

    😀

  2. Eva sagt:

    Diesen Szenen habe ich auch beigewohnt, bei meiner Oma. 🙂
    Und hinterher wird aufgeräumt, egal, wie spät es ist! Es gibt nichts schlimmeres, als sich morgens in eine unaufgeräumt Küche zu begeben… 😉

  3. ninive sagt:

    Sehr nette Erzählung…… solche Spül- Erinnerungen hab ich zwar keine, am nächsten Morgen die feinen Gläser und dergleichen von der Hand zu spülen und dabei noch über das Fest zu sinnieren empfinde ich auch als etwas sehr Angenehmes. Wiegesagt, erst am nächsten Morgen….

  4. Jutta sagt:

    Aufgeräumt wird – so gut wie immer – gleich nach dem Fest. Und da wir gerade ein Fest hatten (Pfingsten von Freitag bis Montag Besuch), klappte das bei uns trotz Spülmaschine mit der Kommunikation hervorragend. Beim Zubereiten der Salate und diverser anderer Speisen, aber auch beim Abspülen zwischendurch schnatterten die anwesenden Damen in der Küche.

    Diese Küchenszenen, wie du sie beschreibst, kenne ich auch noch. Genau so. Irgendwie heimelig, gell?

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