Mein Kulturblick als Endverbraucher | #KultBlick

Kulturblick mit Gemüse: Arcimboldos Sommer im Louvre

Das Archäologische Museum Hamburg (in dem ich selber noch nie war) lädt derzeit zur Blogparade ein. Das Thema: „Verloren und wiedergefunden?! – Dein Kulturblick“. Beiträge können noch bis 22. Oktober 2017 eingereicht werden. Es gibt dazu schon etliche, durchweg akademische Postings, die am Ende dieses Beitrags verlinkt sind.

Kochkunst und Esskultur

Mein Blick auf die Kultur ist ein anderer. Weniger akademisch. Sozusagen aus Sicht des Endverbrauchers. Meine Kategorie Kultur im Kochblog gibt es schon lange. Ebenso wie im Menü der Seite die Reise-Geschichten in „Unterwegs“. – Ansonsten geht es in diesem Blog in erster Linie um Kochkunst. Und Esskultur. Aber nicht nur.

Genau betrachtet bin ich davon etwas gelangweilt. Im Sinn des Wortes womöglich übersättigt.

Einerseits wegen der langen Beschäftigungszeit mit diesem Thema (derzeit schon neun Jahre), andererseits wegen der Omnipräsenz von Köchen in allen Medien, einem nie versiegenden Strom an Foodporn-Fotos in allen sozialen Medien, Kochshows, Bergen von Kochbüchern in nie dagewesener Zahl im Buchladen, dazu ungezählte Trittbrettfahrer, die sich als Heilsbringer gerieren, indem sie versuchen uns Nahrungsergänzungsmittel und Superfood anzudrehen.

Diesen ganzen Betrieb als total uneffektiv, oder gar verlogen zu entlarven, mag eine ehrenwerte Aufgabe für die Zukunft sein.

Spätestens dann, wenn alle Fische den Bauch voll Plastik haben, im Supermarkt nur noch Fertiggerichte zu erwerben, und selbst die wenigen verbliebenen Horte von Kaffeehaus-Kultur in einem sagenhaften Berg von Pappbechern ertrunken sind, werden wir endgültig sicher sein, dass in den eigenen vier Wänden nur noch ausgepackt und microwelliert wird, aber niemand mehr kocht.

Mein KulturBlick

Ausstellung des dänischen Künstlers Jeppe Hein im Neuen Museum in Nürnberg
Kulturblick-Selfie im Oktober 2010: Ausstellung des dänischen Künstlers Jeppe Hein im Neuen Museum in Nürnberg

Kultur spielt – egal ob Malerei, Bildhauerei, Musik, Architektur, usw. – dank meines Vaters schon immer eine Rolle in meinem Leben. Sie war nie verschwunden, nur die Aufmerksamkeit die ihr zuteil wird, unterliegt Schwankungen. Schon als Kinder besichtigten wir Kirchen und fanden uns anstatt auf dem Spielplatz, öfter mal im Museum wieder.

Wappen der Schriftsetzer und Buchdrucker

Wappen der Schriftsetzer und Buchdrucker (später auch der Fotosetzer)

Als 14/15-jährigen (ca. 1972) schleppte er mich, zu dem damals als freischaffender Künstler in Nürnberg lebenden, Bodo G. Boden, in dessen Volkshochschulkurs.

Daraus folgte sogar eine mehrtägige Kunstreise an den Gardasee plus Verona, mit dem Rest der Familie und jenen an der Malerei interessierten KursteilnehmerInnen.

Die Reise war sehr schön, meine Stilleben ganz nett. Der Aquarell-Versuch, in Torri del Benaco eine pittoreske Häuserfront aufs Blatt zu bannen, ging allerdings gründlich schief. Nach einigen Skizzenstunden mit dem Bleistift und offensichtlich geknicktem Kulturblick stand fest: meine Perspektivfluchten gingen in die falsche Richtung.

Jene Perspektiven sorgten für meinen frühzeitigen Abgang aus der Malerei, berufliche Erfüllung kam mit der erlernten schwarzen Kunst. Die Begeisterung für gute Typografie ist ungebrochen.

Endlichkeit des Seins = Selektiver Blick auf die Kultur

Der Glaube vieler Menschen, sie kämen mit dem Surfbrett ins Nirvana, wird sich als Irrtum erweisen. Denn das Alter an sich ist schon eine ziemliche Gemeinheit. Die Beschäftigung damit führt uns unweigerlich zum Totenkult, weshalb wir schon immer gerne Friedhöfe besuchen. Besonders im Ausland.

Unbekannter Künstler auf dem Zentralfriedhof in Wien

Auch Künstler sterben. – Grab eines unbekannten Künstles auf dem Zentralfriedhof in Wien

Obwohl sich der Mensch noch immer wie dreißig oder vierzig fühlt, schleichen sich über die Jahre geringfügige körperliche Fehlfunktionen ins Dasein und nur beim morgendlichen Blick in den Spiegel bemerkt man den wahren Grad des eigenen Verfalls. Zum Glück verwindet man den frühen Schock im Verlauf des Tages, bis sich der Vorgang nach 24 Stunden wiederholt.

Zeit in allen Lebens- und Kulturbereichen zu selektieren!

Irgendwann ist uns die Bettlektüre einfach zu fad, die aufgewendete Zeit dafür zu schade. Grund genug das begonnene Werk in die Ecke zu werfen. Durch ein Buch beißen? Mache ich seit mindestens 10 Jahren nicht mehr. Warum auch?

Die Inszenierung im Theater oder in der Oper? Mies, mies, mies. In der Pause gleich das Weite zu suchen sei deshalb erlaubt!

Kunst zu Ende „aushalten“ um der Kunst willen? Sorry, keine (Lebens-)Zeit.

Es gibt sogar Kunstrichtungen die von mir null Aufmerksamkeit erhalten. Videokunst gehört dazu. Hier herrscht ein noch größeres Sättigungsgefühl vor, als bei dem oben bereits im Zusammenhang mit Koch- und Esskultur beschriebenen.

Youtube sei zwar grundsätzlich ein bisschen Dank, aber die Flut der Videos, die erst nach drei Minuten (oder mehr Lebenszeit) auf den Punkt kommen – klar wird ob man lachen oder weinen soll? – Sorry, keine Zeit.

Kulturblick - Der Blick des Ai Weiwei

Reisender in Sachen Kultur mit Aha-Erlebnis

Mein Blick auf die Kultur ist trotzdem schon immer wach. Es gibt Untersuchungen, die nachweisen, dass nur 5% der Zeitungsleser den Kulturteil studieren. Zu diesen zähle ich mich häufig. Der Hinweis auf die neue Ausstellung, die Buchrezension, die Film-, Konzert- oder Theaterkritik? Wird gelesen! Nachrangig aber nicht unbedingt konsumiert.

Trotz gelungener Reisen in diesem Jahr nach Rom, Paris, Brügge und Holland, in die Weinberge an der Mosel (Kulturlandschaft) und ins Wernfelser Land rund um die Zugspitze (Kultur der Wegkreuze): der interessanteste Fund des bisherigen Jahres im Feuilleton war ein Artikel über das Schloss von Chaumont-Sur-Loire, dem wir Monate später einen Besuch abstatteten.

Eines von 80 Schlössern an der Loire, das seit knapp zehn Jahren als Kunst und Naturzentrum fungiert. Vom 1. April bis zum 5. November 2017 findet/fand dort die neunte Kunstsaison statt.

Etwa zweihundert Kilometer südwestlich von Paris trifft man mitten im Gebiet des Unesco-Welterbes Loiretal auf das kleine, malerische Dorf über dem das imposante Märchen-Schloss Chaumont thront. Im Park von Schloss Chaumont ist alles vereint. Neben dem Schloss die Kunst, Natur und jede Menge Flower Power. Ein sehenswertes Gesamtkunstwerk das die Anfahrt lohnt. Dazu: keine Schlange an Kasse und Werken. Mein Top-Tipp!

Eine Reise mit Kulturblick war schon immer besser, als nur ein schöner Strand.

Mein kultureller Top-Tipp: Schloss Chaumont-Sur-Loire

Nachfolgend einige Motive von Schloss und Ausstellung

Der Blick auf die Kultur ist immer mehr ein Indirekter

Selfie im Louvre

Selfies sind offenschtlich keine Erfindung der Neuzeit. – Louvre, August 2017

Indirekt deshalb, weil der gemeine Besucher, speziell in Ausstellungen und Museen immer mit dem Smartphone vor dem Gesicht auf die Kunst blickt.

Im schlimmsten Fall muss die Venus von Milo jeden Touristen des Tages neben sich auf dessen Selfie dulden. Oder der arme Hercules den deutenden Zeigefinger jedes Asiaten im Louvre auf sein nacktes Geschlecht ertragen.

Ja, Asiaten sind erstaunlich genant wenn es um nacktes Fleisch geht. Selbst wenn dieses aus Marmor gemeiselt ist.

Am buntesten treibt es die Besucherschar vor der armen Mona Lisa, der häufig nur noch der Rücken zugewandt wird. Höchste Priorität für den Besucher hat das kleine Bild mit dem eigenen Kopf daneben, gebannt auf den Handychip, umgehend versandt in die endliche Weite des Internets.

Vorteilhaft ist der Trubel nur für die beiden Angestellten des Louvre-Saales, deren Aufgabe es ist, die fotohungrige Meute im Zaum zu halten. Ihre Tätigkeit hält an Abwechslung keinen Vergleich aus mit jedem anderen Saalwärter eines anderen Museums der Welt.

Mir ist dazu ein großartiger Abschnitt des Buches „Mein Herz so weiß“ von Javier Marías eingefallen. Beschrieben wird darin der sich zwangsläufig entwickelnde Hass eines Wärters im Prado, entweder auf jedes einzelne Bild, mit dem er Tag für Tag im Museum eingesperrt ist, oder auch die umgekehrte Variante, wie sehr ein Saalwärter in der Ausstellung „seine“ Bilder lieben, und jedem Besucher gegenüber tiefe Eifersucht empfinden kann.

Seien Sie also auf der Hut beim Museumsbesuch! #KultBlick

Mona Lisa im Louvre mit Besucherandrang
Kulturblick der Mona Lisa im Louvre mit Besucherandrang


Alle bisherigen Artikel der Blogparaden-Teilnehmer Kulturblick #KultBlick

Die Initiatoren der Blogparade des Archäologischen Museums Hamburg.

1. Klaus-Peter Baumgardt: Leitkultur 2.0, #Kultblick: Heiße Butter im Auge? // 23.09.2017
2. Anke von Heyl: Kultur ist mein Geschäft. // 27.09.2017
3. Michael Bauer: Blickkultur // 27.09.2017
4. Tanja Praske (Mitorganisatorin): Wie blicke ich auf Kultur? // 28.09.2017
5. Trippmadam: Onkel Juan geht nicht ins Museum // 30.09.2017
6. Axel Kopp: Kann Kultur die Stadt retten? #Kultblick // 30.09.2017
7. Armin König: Das Glück des Augenblicks – Ich bin ja kein Opferlamm – Part 1 // 01.10.2017
8. Katrin Krumpholz: Von Kunst zur Natur: mein beruflicher KultBlick (Blogparade) // 02.10.2017
9. Katrin Krumpholz: Von Kunst zur Natur: mein privater KultBlick (Blogparade) // 02.10.2017
10. Mein eigener Beitrag
11. Angelika Schoder: Revolutionärer Kulturblick: Der mystische Philosoph Jacob Böhme // 04.10.2017
12. Sabine Pint: #Kultblick // 04.10.2017
13. Susanne Schneider: #KultBlick – Wie blicke ich auf Kultur? // 06.10.2017
14. Jutta Zerres: Lucius Poblicius und die große Kirche gegenüber von McDonalds #KultBlick // 06.10.2017
15. Maria Männig: Diorama forever // 06.10.2017
16. Susanne Dirkwinkel: „La Traviata“ in der Staatsoper Hamburg // 07.10.2017
17. Heinrich Rudolf Bruns: Hören heißt „Sehen mit den Ohren“ // 08.10.2017
18. Dr. Barbara Volkwein: #KultBlick von einer, die jahrelang Kultur gestaltet // 09.10.2017
19. Katja Marek: Die Krux mit der Kultur // 09.10.2017
20. Die Kulturflüsterin Lena Kettner: Perspektivenwandel I Blogparade #KultBlick // 10.10.2017
21. Lutz Prauser: Blogparade ‚Kulturblick‘: Der homo academicus musealis // 10.10.2017
22. Nicole Czerwinka: Lasst uns Kulturjäger sein, mit offenen Augen! // 10.10.2017
23. Nadine: Schaukeln vorm Berg // 10.10.2017
24. Matthias J. Lange: Computerspiele als Kulturgut #KultBlick // 11.10.2017
25. Sebastian Karnatz: Medien im Museum? Hauptsache, unter sich bleiben // 11.10.2017
26. Daniela Köster: Ein anderer Blick auf Afrika – Great Zimbabwe Ruins // 10.10.2017
27. Damian Kaufmann: Kultur ist bunt – vom Kunsthistoriker zum Webdesigner // 10.10.2017
28. Stephanie Buchholz: Die Stadt unter der Stadt // 10.10.2017
29. Charlotte Horsch & Anja Gebauer: Mein Kulturblick: Was ist eigentlich Kultur? // 11.10.2017
30. Lakritze: Kleine Liebeserklärung an Museen 1/4 // 07.10.2017
31. Lakritze: Museumsgeschichtchen 2/4 // 07.10.2017
32. Lakritze: Kultur mit Kindern 3/4 // 07.10.2017
33. Lakritze: Museumsmeckerei 4/4 // 07.10.2017
34. Nessa Altura: Eine neue Blogparade im Oktober: KultBlick// 11.10.2017
35. Antje Zimmermann: Wo die grüne Fee regiert – die Absinth-Route! // 08.10.2017
36. Barbara Luetgebrune: Mein Kulturblick: Am liebsten neben der Kommode // 10.11.2017
37. Katja Eidam von Museumscast: „Nein, Doch, Ooooh!“ [Blogparade] // 12.10.2017
38. Robert Werner, Deutsches Uhrenmuseum: (M)ein Blick auf die Kultur // 12.10.2017
39. Traumspruch Kultur AMH // 15.10.2017
40. Ulrike Hecker Mein Kulturblick: Verbotene Souvenirs // 15.10.2017
41. Petra Ristow Hoch die Tassen // 15.10.2017
42. Doreen Trittel Künstlerin: Wie betrachte ich Kunst? | #KultBlick // 16.10.2017
43. KultKatze Heimatblind // 17.10.2017
44. Indira Kaffer-Schmickler Blogparade „#Kultblick“ vom Archäologischen Museum Hamburg // 17.10.2017
45. Marlene Hofmann Kinder, Kinder, #Kinderburg: Unser Blick auf Kultur im Jahr 2017 // 17.10.2017
46. Mein zweiter Beitrag Mit Wilhelmine von Bayreuth im Schlosspark Eremitage // 18.10.2017
47. Thomas Gerlach Gutes Essen und Kultur // 18.10.2017

Blogparade: Mein Kulturblick | #KultBlick

Die Fragen die man zum Thema #KultBlick beantworten könnte oder sollte:

  • Wie erfährst, siehst und bewertest Du Kultur?
  • Was hast Du vergessen, das dir beim Kulturgenuss plötzlich in den Sinn kommt? Hast Du Kindheitserinnerungen oder besondere Situationen, an die Du plötzlich denken musst, während Du dich auf Kultur einlässt.
  • Gibt es dabei Aha-Erlebnisse, Geistesblitze oder besondere Erkenntnisse für dich?
  • Was empfindest Du, wenn Du dich auf Kultur und Kunst einlässt? Was ist dir dabei wichtig?
  • Gab es jemanden, der deine Neugierde für Kulturelles geweckt hat? Und wie informierst Du dich über Neuigkeiten?
  • Welche Kulturerlebnisse sind dir warum die liebsten? Hast Du besondere Favoriten?
  • Fehlt dir etwas? Gibt es einen Wunsch, den Du schon immer bei Kulturinstitutionen äußern wolltest? Was können Kulturinstitutionen für dich tun, damit Du gerne zu ihnen kommst?

1 Antwort : “Mein Kulturblick als Endverbraucher | #KultBlick”

  1. Lieber Peter,

    wunderbar ist dein KulturBlick – merci, dass du ihn uns erzählt. Musste schon einige Male schmunzeln. Ach ja, die Sache mit dem Älterwerden. Morgens schaut frau in den Spiegel, sieht die Falten, ärgert sich, geht der Arbeit nach, vergisst es bis zum anderen Morgen. Kann dir nachvollziehen.

    Ich mag diese verschiedenen Kulturblicke von dir. Ja, immer den indirekten lässt sich streiten, wenn er dabei stehen bleibt, ist es schade, wenn der indirekte Lust auf mehr macht, dann ist das prima! Hast ja auch beim #HohenzollernWalk beides gehabt und am Ende erwuchs daraus noch eine wunderbare Nachbetrachtung im Blog.

    Kulturlandschaften faszinieren auch mich, du berührst dich da prima mit dem privaten Kulturblick von Katrin auf Kultourbunt – sehr schön!

    Das Archäologische Museum Hamburg und ich haben den Kulturblick extra offen gehalten, so dass jeder, ob akademisch oder nicht, sich Gedanken über seinen Kulturblick machen kann. Merci dafür, dass du mitgemacht hast und du mich und andere darüber bereichert hast.

    Hier noch zur Blogparade: http://blog.amh.de/blogparade-verloren-und-wiedergefunden-mein-kulturblick-kultblick/

    Sonnige Grüße
    Tanja

    Herzlich

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