Kirschenmichel mit Vanillesoße

Fränkisches Kirschenmännle oder Kirschenmichel

Das moderne Kind hat alles im Kinderzimmer, was die Spielwarengeschäfte und Elektronikmärkte um die Ecke hergeben. Die Kinder müssen mit ihren Eltern in einen Flieger klettern und das volle “All you can eat”-Programm im “All inclusive”-Paket am heißen Urlaubsort über sich ergehen lassen. Die Oma des modernen Kindes geht derweil arbeiten, ist zum zweiten mal geschieden, und wohnt in einer 2-Zimmer-Wohnung mitten in einer Großstadt. Schade!

Was das mit meinem Kirschenmännle oder Kirschenmichel, in Franken sicher immer “Kirschenmännle” genannt, zu tun hat?

Es handelt sich dabei nicht nur um eine einfache Süßspeise aus wirklich alten Zeiten, für mich handelt es sich dabei um eine ganz wichtige Kindheitserinnerung und im Prinzip geht es sogar um den respektvollen Umgang mit Lebensmitteln. Denn heutzutage werden altes Brot und ebensolche Brötchen gedankenlos in den Müll geworfen. Früher sammelte man Altgebäck und machte daraus einfache Mahlzeiten für die ganze Familie.

Wie wichtig es wäre, das heute auch noch zu tun, konnte man in dem Video sehen, das früher an dieser Stelle eingebunden war. Leider hat die Firma Allegro Film wegen ihres Urheberrechtsanspruches den Ausschnitt bei Youtube aus dem Verkehr gezogen.

Darin war in beklemmenden Szenen ein LKW-Fahrer zu sehen, der an verschiedenen Stellen der Republik nächtens Brot einsammelte und diese ganze Fuhre am Ende einfach vom Laster kippte. Heute gibt es Bäckereien die Wärmerückgewinnung machen und ihre nicht verkaufte Ware verfeuern. Das muss man sich mal vorstellen!

Vermulich ist es ohnehin wichtiger, sich anstelle des fehlenden Ausschnitts den ganzen Filme aus der Reihe “We feed the World” anzusehen. – Eine kulturelle Pflicht!

Zum Glück bin ich in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgewachsen, meine Oma war nicht geschieden, wohnte auf dem Land, wusste was kleine Jungs gerne essen und konnte noch Kirschenmännle oder Kirschenmichel zubereiten.

Und so gab es keine Sommerferien (die ich gefühlt oft wochenlang bei meinen Großelteren verbrachte) in denen nicht leckere Aufläufe aus alten Brötchen auf dem Mittagstisch standen. Einer davon war, neben dem sogenannten Ofenschlupfer mit Äpfeln, das Kirschenmännle oder Kirschenmichel. Restliches Brot wurde damals einfach beim benachbarten Bauernhof an die Schweine verfüttert.

Die Erinnerung an den wunderbaren Geruch des gebackenen Auflaufs, des Zimts und der Vanillesauce bringt mich alljährlich dazu, die gesamte Familie kulinarisch damit zu knechten ;-). Kürzlich war es wieder so weit! Für die Herstellung der süßen Speise zeichnet allerdings die beste Ehefrau von allen verantwortlich, denn wenn es hier um das Thema “Backen” geht, ist fast immer sie zuständig.

Kirschenmännle oder Kirschenmichel

Kirschenmännle oder Kirschenmichel ist egal. Hauptsache ohne Kerne

Zutaten:
* 750-1000 g Herzkirschen
* 6 alte Brötchen
* 3/8 l Milch
* 125 g Butter
* 125 g Zucker
* 5 Eigelb
* 5 Eiweiß
* 1 Prise Salz
* 1 Messerspitze Zimt
* 100 g gehobelte Mandeln
* Butter
* Semmelbrösel.
Für die Vanillesoße:
* ½ l Milch
* 2 Eier
* Mark von einer Vanilleschote
* 20g Zucker
* 75 ml Sahne
* 75 ml Crème Fraîche

Zubereitung Kirschenmännle oder Kirschenmichel:

Die Brötchen in feine Scheiben oder Würfel schneiden und mit der erwärmten Milch übergießen. Die zimmerwarme Butter mit etwa 100 g Zucker, Eigelb und Gewürzen schaumig rühren. Die gehobelten Mandeln und die eingeweichten Brötchen daruntermischen.

Die Kirschen waschen, entsteinen und unter die Auflaufmasse geben. Zuletzt den mit dem restlichen Zucker sehr steif geschlagenen Eischnee unterziehen. Die Masse in eine gut ausgebutterte und mit Bröseln ausgestreute Form geben. Im auf 160 Grad vorgeheizten Ofen ca. 50-60 Minuten backen.

Zubereitung der Vanillesoße: Die Milch, die Eigelbe, das Vanillemark, den Zucker zusammen gut vermischen und kurz aufkochen. Die Soße abkühlen lassen, vor dem Servieren die Sahne anschlagen und mit der Crème Fraîche in die Soße rühren. Zum Kirschenmännle oder Kirschenmichel servieren.

Kirschenmännle oder Kirschenmichel
Unser Kirschenmännle oder Kirschenmichel vor dem Backen

Kirschenmännle oder Kirschenmichel
Kirschenmännle oder Kirschenmichel

Kirschenmännle oder Kirschenmichel

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9 Antworten : “Kirschenmichel mit Vanillesoße”

  1. Karin sagt:

    Sitze nun schon Stunden vor deinem ganz wunderbaren Küchenblog.
    Braucht eben Zeit bis man alles gelesen hat, dabei habe ich erst einen Teil davon gesehen, aber vieles davon bereits auf meine Nachkochliste gesetzt.
    Bei uns wird dieses obige Gericht Scheiterhaufen genannt besteht auch aus altem Brot, Weckerln oder Kipferln aber statt der Kirschen sind Apfelstückchen drinnen.
    Danke für die vielen Anregungen und wundeschönen Fotos so dass man gleich Appetit auf die Speise bekommt.
    LG Karin

    • Hallo Karin,
      ja, Scheiterhaufen heißt das bei uns auch, wenn Äpfel drin sind.
      Für mich ist aber das Kirschenmännle oder der Kirschenmichel noch wichtiger, denn den gibts bei uns nur wenn Kirschensaison ist. Und die ist bekanntlich kurz, während man mit Äpfeln ja das ganze Jahr über hantieren kann.
      Freut mich, wenn Ihnen mein Blog gefällt. Er ist immer noch am wachsen….

  2. Marianne sagt:

    Ja, es gibt schon einige Kindheitserinnerungen aus den Sechzigern. In diese falle ich auch hinein. Des Kerschnmännla ist mir natürlich auch bekannt. Aber so eine feine Vanillesoße gabs bei uns nicht. Und eine Oma hatte ich leider auch keine solche. Das kochte bei mir die Mutter, aber genauso typisch fränkisch. Im Kohleherd noch und meist samstags, weil da mehr Zeit war.
    Gute Idee fürs heutige Essen.
    Einen Essensgruß noch dazu
    Marianne
    … und ach noch was: Das Brot bzw. Brötchen werden bei mir nicht weggeworfen. Getrocknet gibts da Semmelbrösel daraus (den Küchenmixern sei dank) und die kann man zu Semmelklößchen umwandeln.

  3. Da stimme ich Dir voll zu. Es gibt viele Rezepte, die mit Kindheitserinnerungen verbunden sind und dieses für mich auch sehr. Bei uns heisst es “Kirschpfanne” und wenn Du möchtest, hier steht mein Rezept:
    http://oberstrifftsahne.blogspot.de/2012/06/aus-der-kramkiste.html

  4. Brestel Ina sagt:

    Hallo Peter! DAnke für dein Rezept, ich muss morgen Kirschenmichel bei uns im Altenheim zubereiten und ausgeben. Wollte nach einem anderem Rezept umsehen, deiner ist wie unserer. Ich verstehe nur nicht warum bei uns so viel Reklamation kommt, obwohl dieses Rezept die Schwaben mögen!

  5. moppeline123 sagt:

    Ein schöner Artikel und ein leckeres Rezept.

    Ich sammle alte Brötchen und Brotreste auch. Ich würfel alles, friere es ein und mache dann, wenn eine genügend große Menge vorhanden ist, einfach leckere Semmelknödel daraus. Meine Familie liebt sie!

    Ansonsten wird getrocknetes Brot hier auch gerne an Nachbars Pferde und Hasen verfüttert, ich tue mich mit Wegschmeißen insgesamt auch sehr schwer!

  6. Micha sagt:

    Jede Region scheint ein eigenes Rezept und einen eigenen Namen für diese Art Kischkuchen zu haben. Bei uns in der Region heißt er Kirschenplotzer (Familienrezept gebloggt) und in der Schweiz, gesehen bei Anonyme Küche, Kirschentschu. Für die nächste Saison habe ich ein neues Rezept zum Ausprobieren! Sieht nach: *die Schüssel reicht für mich* aus :)

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