Karpfenfilet auf Wurzelgemüse mit Meerrettichsoße

Ging es an dieser Stelle kürzlich noch um Märchen, soll es jetzt um den Aberglauben gehen. Nachdem unser Leben heute so wahnsinnig aufregend, bunt, vielseitig aber auch anstrengend ist, lassen wir gerne alte Bräuche hinter uns, die für unsere Eltern noch wichtig waren. Und weil wir so toll aufgeklärt sind, durch unsere Smartphones quasi direkt an das Wissen der Welt angestöpselt, glauben wir nichts mehr, müssen bei Streitfragen kaum noch wetten, sondern prüfen alles sofort bei Wikipedia oder in anderen Quellen im Internet.

Früher war das anders. Da freuten sich die Leute noch auf die Monate mit „R“. Denn dann gab es, zum Beginn des Herbstes, endlich wieder Karpfen. Mit all seinen Gräten und Schuppen. Und wer nicht so viel wusste, war meist auch abergläubisch, hatte deshalb eine besondere Beziehung zur Karpfenschuppe. Womöglich hatten die Leute sogar eine in der Geldbörse.

Der Karpfen galt früher als Fruchtbarkeitssymbol. Denn weibliche Karpfen (Rogner) legen Hunderttausende von Eiern. Wegen dieser hohen Fruchtbarkeit, glaubten die Leute zum Beispiel, es würde dabei helfen, das Geld in in ihrem Beutel nie ausgehen zu lassen, wenn man eine der hübschen Karpfenschuppen (eines Festtags-Karpfens) den Rest des Jahres mit sich führte. Und dass dieser Brauch nicht nur von einer eingeweihten Gruppe einiger Weniger praktiziert wurde, beweist eine Geschichte, die in Berlin zum Jahreswechsel 1960/61 spielte.

Unternehmen Karpfenschuppe

Die „Berliner Morgenpost“ gehörte zu dieser Zeit noch dem Verlagshaus Ullstein. Wie der SPIEGEL damals berichtete, wurde die Leserschaft der Zeitung von Verlag und Redaktion „nach uralter Berliner Sitte“ mit dem Glücksbringer Karpfenschuppe ausgestattet.

Geistiger Vater der geplanten Aktion war der Ullstein-Werbeleiter Kurt Mehr. Eine knifflige Aufgabe, dafür zu sorgen, dass 250.000 Leser jene 250.000 Schuppen bekämen. Nur woher nehmen? Ihm fehlte zunächst die Vorstellung, welche Zahl von Karpfen für die Glücksbringer-Produktion nötig sein würde. Und dass Karpfenschuppen einfach so in den Berliner Zweigstellen der Fischhandelskette “Nordsee” als Handelsware vorhanden sein könnten, erwies sich bald als Irrtum.

Die Aktion an dieser Stelle abzublasen, dafür war es zu spät. Die 250.000 Tütchen, in denen die Leser ihre Glücksschuppe zugestellt bekommen sollten, waren schon mit einem Karpfenmotiv bedruckt. Und so kam es, dass per Eisenbahn alsbald 27 Zentner Karpfen in Berlin eintrafen. In einer Reportage wurde den Morgenpost-Lesern später geschildert, dass „20 süßen Puppen“ (entsandt von der Berliner Studentischen Arbeitsvermittlung) die Fische entschuppten und die nötigen Schuppen in Tütchen einsortierten.

Eine Randnotiz wert ist sicher nur die Empörung der Ullstein-Angestellten, denen der Betriebsrat wegen des penetranten Fischgeruchs zeitweilig andere Arbeitsplätze erstreiten mußte. Daneben gab es noch Verwerfungen auf den Speiseplänen anderer Berliner Großwerksküchen (neben Ullstein noch Telefunken, Osram und Lorenz), denn die Fische wollten ja alle vertilgt sein.

Der absolute Clou des Unternehmens Karpfenschuppe erwies sich übrigens ebenfalls als nervtötender Einfall. Unter all den 250.000 Karpfenschuppen wollte Werbeleiter Kurt Mehr eine vergoldete Schuppe wissen, für die der Finder 50 Mark in bar bekommen sollte.

Leider erst nach dem Eintüten der 250 000 Schuppen brachte Kurt Mehr in Erfahrung, dass das Vergolden einer einzelnen Karpfenschuppe damals nicht mehr als fünf Mark kostete.

Jeder Karpfenschuppen-Besitzer hätte also seine Morgenpost-Schuppe für den kleinen Betrag vergolden lassen, dann aber das Zehnfache seines Einsatzes bei der Mogenpost kassieren können. Daraufhin mussten die schon erwähnten 20 Schuppen-Puppen aus den 250.000 bereits eingetüteten Schuppen die Vergoldete wieder herausfinden und besonders kennzeichnen.

So viel zu dieser, wie ich finde, schönsten aller Karpfenschuppen-Geschichten.

Der Franke an sich hat es, was die Karpfen angeht, recht gut. Denn sowohl Forellen als auch Karpfen wachsen in unserer unmittelbaren Umgebung auf. Selbst als Bewohner der Stadt Nürnberg kann man heimischen Züchtern nach wenigen Kilometern Autofahrt über die Schulter schauen und frische Ware vor Ort erstehen. Ich empfehle deshalb Karpfen zu besorgen. Wenn möglich mit Haut, denn dann finden Sie bestimmt auch ein hübsche Schuppe.

Zu den Karpfenfilets gibt es ein herbstliches Wurzelgemüse und eine wunderbare Meerrettichsoße.

Karpfenschuppe

Die Zutaten sind für 4 Personen berechnet

* 4 Karpfenfilets á ca 180 Gramm, etwas Mehl zum bestäuben sowie Salz und Pfeffer.
Für die Meerrettichsauce: * 1 Schalotte, * 25 g Butter, * 2 EL Noilly Prat (Wermut), * 100 ml Weißwein, * 300 ml Fischfond, * 200 ml Schlagsahne, * Salz + Pfeffer, * 4 EL Meerrettich (wenn möglich frisch gerieben).

Für das Wurzelgemüse: * 400 g festkochende Kartoffeln, * 200 g Karotten, * 200 g Petersilienwurzeln,
* 1 Bund Frühlingszwiebeln, * 250 ml Gemüsefond, * Salz, * 2 EL Butter, * 1 TL Zucker, * ½ Bund Dill, * Muskat, Salz und Pfeffer

Zubereitung: Begonnen wird mit der Meerrettichsauce. Zunächst die Schalotte fein würfeln und in der Butter glasig schwitzen. Mit Wermut und Weißwein ablöschen und so lange bei mittlerer Hitze einköcheln bis nur noch die Hälfte der Flüssigkeit vorhanden ist. Fischfond angießen und erneut auf 50% reduzieren. Dann die Sahne dazu gießen und 10-15 Minuten bei milder Hitze kochen.

Die Soße mit dem Zauberstab aufmixen und danach mit Saz und Pfeffer abschmecken. Meerrettich verliert beim erhitzen sehr schnell sein Aroma. Den Meerrettich auf jeden Fall erst kurz vor dem Servieren schälen, fein reiben und in die Sauce geben.

Unterdessen für das Wurzelgemüse die Kartoffeln, Karotten und Petersilienwurzeln schälen und dann in kleine Würfel (etwa 5 mm) schneiden. Von den Frühlingszwiebeln nur den knackigen Teil von weiß bis hellgrün in kleine Ringe schneiden. Zuerst die Kartoffeln in kochendem Salzwasser für fünf Minuten garen, abschrecken und abtropfen lassen.

Die Frühlingszwiebeln, Karotten und Petersilienwurzeln in einem Topf mit einem Stück Butter anbraten (ohne dass sie Farbe nehmen), mit Zucker leicht karamelisieren, dann die Gemüsebrühe angießen und mit Salz, Pfeffer und Muskat würzen. Für 2-3 Minuten kochen, die Kartoffeln zugeben und alles unter häufigem rühren weitere 3-4 Minuten bissfest garen. Die Flüssigkeit kann dabei ruhig verdampfen.

Die Karpfenfilets mit etwas Zitronensaft beträufeln, mit Salz und Pfeffer würzen, in einem Teller mit Mehl wenden und abklopfen und in einer Pfanne mit etwas Butter und Öl in 2-3 Minuten knusprig braten.

Das Gemüse auf die Teller verteilen, die Karpfenfilets darauf setzen und alles mit der Meerrettichsoße beträufeln.

8 Antworten : “Karpfenfilet auf Wurzelgemüse mit Meerrettichsoße”

  1. Sybille sagt:

    Lieber Peter,

    sehr gut ausgebuddelt 🙂

    Von den Lesern hier, bin ich sicher die, die die meisten Schuppen gesehen hat.
    Mein Vater war Angler, leidenschaftlicher Angler, wöchentlicher Angler…ausschließlich Karpfenangler.
    Die Karpfen kamen meiner Mutter, Schwester, sämtlichen Nachbarn schon zu den Ohren raus…ich wäre eine perfekte „Schuppöse“ gewesen.

    Mit glitschigen Grüßen

  2. Deine Fotos sind mindestens genauso gut wie Deine Rezepte. Das Foto von der Karpfenschuppe finde ich grandios. Den besten Karpfen meines Lebens aß ich einmal in Würzburg 😉

  3. Das ist ja eine Geschichte… 😀
    So ein Karpfen wäre auch wieder mal was leckeres. Gibt’s in der Schweiz einfach nicht. Ich glaub, ich muss wieder mal nach Schwabach.

    • Lass Dir doch mal welche mitbringen.
      Die Junghühner werden sich halt über die Gräten beschweren 😉

      • Nene, die Junghühner essen gerne Karfpen – die sind das gewohnt, gibt’s bei der Oma natürlich ab und an mal.

        Der arme Kindervater – was ich dem jeweils für Listen schicke mit Futter, welches er mitbringen soll: Zwiebelmettwurst, Nürnberger Rostbratwürste, Gemüsesülze aufgeschnitten, Leberwurst, Stadtwurst… wenn ich dem jetzt sage, er muss noch Fisch bringen, dreht er mir komplett durch… 😉

  4. Ich woill seit geraumer Zeit mal was mit Karpfen machen. Danke für’s Rezept und die haarsträubende Story. Wo hast Du die denn ausgegraben?

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