Das Meer – Von einem Ende der Welt zum anderen

von Burgos nach Hontanas (30 km) am 8. September 2007

Am 8. September 2007 hätte ich beinahe das Meer gesehen. Allerdings nur ein Meer aus wogenden Getreide­halmen. Ich befand mich damals auf “meinem” Jakobsweg. Wie für die vorhergehenden, gab es auch für jenen Tag keinen Plan. Nur den Vorsatz, den 30 Kilometer langen Weg von Burgos nach Hontanas zu gehen.

Die Strecke in die nächste große Stadt, nach Leon, misst ab Burgos insgesamt 180 Kilometer und wird von vielen Pilgern gefürchtet.

Der staubige Weg durch die “Tierras de Campos”, einem Teil der zentralspanischen Hochebene, gilt als besonders eintönig, landschaftlich wenig abwechslungsreich. Man bewegt sich auf einer Höhe von 750 bis 900 Metern. Wenn Sie gerne Kreuzworträtsel machen und Ihnen stets der Name für jene Hochebene fehlt – merken Sie sich jetzt die sechs gesuchten Buchstaben: Meseta!

Der Weg ist gesäumt von Getreidefeldern, die zu unterschiedlichen Jahreszeiten ein unter­schied­liches Bild abgeben. Als ich da war, war es zu spät. Die Felder abgeerntet. Zu sehen gab es nur ein Meer aus Stoppeln.

in der Meseta, der zentralspanischen Hochebene

Bernardo der Seefahrer orientierungslos auf dem Jakobsweg

Bernardo der Kapitän zur See

Meine Einleitung hat selbstverständlich noch nichts mit dem echten Meer zu tun. Mir begegnete aber wenige Tage später Bernardo aus Barcelona, der normalerweise als Kapitän eines Frachtschiffs die Weltmeere durchkreuzt. Seine Ziele auf See findet er immer. An Land zeigte sich bei ihm Orientierungslosigkeit.

Obwohl es kaum möglich ist, sich auf dem Jakobsweg zu verlaufen: Bernardo hat es geschafft. Ihm fehlte einfach sein Sextant. Ich bin zunächst also sein Navigator und darüber erstaunt, wie unsicher Bernardo bei kleinsten Unklarheiten ist, was die Wegführung angeht.

Wir verstehen uns gut, trennen uns aber nach ein paar Stunden wieder. Unser Laufrhythmus passt nicht zusammen, er geht mir zu schnell und ist zu nervös. Sicher musste er sich erst noch Blasen laufen, um auf dem Weg anzukommen und erst recht sein Handy ausschalten. Letzteres rate ich ihm dringend.

Seit jenen Begegnungen, denke ich stets an Bernardo, wenn auf dem Meer ein Frachtschiff zu sehen ist.

Containerschiff in Hamburg

Das Ende des Jakobswegs liegt bekanntlich in Santiago de Compostela und es war wirklich bewegend dort an­zu­kommen und noch 2-3 Tage zu verweilen.

Ganz hartgesottene Pilger ziehen weitere 60 Kilometer gen’ Westen, um endlich ans Meer zu gelangen. Ihr Ziel ist Cabo de Finisterre (Kap Finisterre). – Obwohl das Kap nicht ganz den westlichsten Punkt des europäischen Festlandes darstellt, galt es schon den Römern als “finis terrae” – als (westliches) Ende der Welt.

Skulptur eines Pilgerschuhs am Ende der Welt
Die Skulptur eines Pilgerschuhs am Kap Finisterre – Am Ende der Welt

Ich selber habe mich dort auch herumgetrieben, allerdings legte ich die Strecke von Santiago zum Kap bequem mit einem Mietwagen zurück. Da Schiffe am Ende des Horizonts bekanntlich nicht von der scheibenförmigen Erde stürzen, galten meine Überlegungen schon damals dem gegenüberliegenden Punkt auf der Erde.

Was dort wohl ist? Am Ende der Welt?

Hätte ich Bernardo unterwegs danach gefragt, er hätte mir – nach einem kurzen Blick in den Nachthimmel – sicher die Antwort geben können. – Ein paar Jahre später erfuhr ich es auch ohne ihn.

So sieht es aus am Kap Finisterre
So sieht es aus am Kap Finisterre. Der Atlantik tobt sich an den Felsen aus.

Von Breitengraden, Ismael, Mayflower und Marconi Strand

Um gegenüberliegende Punkte auf der Erdkugel definieren zu können, ist es hilfreich zu wissen, dass es 180 Breitengrade und 360 Längengrade gibt. Die Breitengrade liegen ziemlich genau 111,32 Kilometer auseinander, was 60 Seemeilen entspricht.

Man muss kein Mathematiker sein, um an einem Breitengrad entlang zu schwimmen. Auch Kulturschaffende, wie jene, die diese Blogparade (siehe Kasten unten) organisiert haben, bekommen das hin. Etwas Training würde eventuell nicht schaden.

“Europa und das Meer” heißt eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin, die seit dem 13. Juni 2018 in der Hauptstadt zu besuchen ist. Kulturbloggerin Tanja Praske hat mich auf diese Blogparade des Museums aufmerksam gemacht, die dazu einlädt, in eigenen Beiträgen unsere Beziehung zum Meer zu verraten.

Wenn wir wissen (was ich für den geneigten Leser bereits in Erfahrung gebracht habe), dass Cabo de Finisterre am Breitengrad 42.907801 liegt, muss man nur noch ziemlich genau 4.880 Kilometer Richtung Westen schwimmen – okay, rudern oder segeln ginge auch – um am Ende der Welt wieder auf Land zu stoßen.

Auf geschichtsträchtiges Land.
Wenn wir die ganze Messerei nicht allzu genau nehmen.
Was früher auch nicht immer gelang.

So hatten die “Pilgerväter” Amerikas (Pilgrim Fathers), die 1620 vom englischen Plymouth aus mit der Mayflower in See stachen, das heutige Virginia als Ziel im Auge.

Sie landeten aber etliche hundert Kilometer weiter nördlich. Etwa an der Nordspitze der Halbinsel Cap Code (südlich von Boston), was mir in meinem Blogbeitrag in die Zeilen spielt. Schließlich bin ich dabei, ein ganz großes Netz auszuwerfen. Aber dazu kommen wir gleich.

Hier ist also das Ende der Welt?
Hier ist also das Ende der Welt? Die Mayflower II, eine Nachbildung der Original-Mayflower im amerikanischen Städtchen Plymouth, Massachusetts, gleich hinter dem Cap Code am Festland.

Am Cap Code landet man nämlich, wenn man die oben geplante Schwimm- oder Segeltour antritt und vom spanischen Kap Finisterre immer weiter nach Westen reist. – Seien Sie bitte nicht pingelig. – Eventuell verfehlen wir das ein oder andere Ziel geringfügig. Auf diese Entfernung aber kein Wunder.

Fakt ist: nach unserer Reise entlang des 42. Breitengrades kommen wir am anderen Ende des Meeres etwa am Cap Code an!

Wir wissen bereits: die Mayflower ist dort gelandet. – Haben uns bei der Überquerung des Atlantiks die lästigen Wellen etwas südlich von Cap Code anlanden lassen, dann sind wir vielleicht auf der Insel Nantucket.

Nennt mich Ismael

Mir doch egal, denken Sie sich? Moment! Nantucket steht schließlich nicht nur für profane Seefahrerei und eine kleine Insel. Hier geht es um Kultur. Sogar um Weltliteratur. Denn hier wird eine der berühmtesten ersten Zeilen aller Bücher gesprochen. Es erlangte Weltruhm und beginnt mit dem Satz: Nennt mich Ismael ²).

Richtig! So beginnt “Moby Dick” von Herman Melville. Das Buch erschien 1851, seit der Ankunft der Pilgrim Fathers sind schon 230 Jahre vergangen.

Weitere 52 Jahre zogen ins Land, bis sich auf Cap Code wieder etwas abspielte, was die Welt buchstäblich aufhorchen ließ. Dem italienischen Radiopionier und Unternehmensgründer Guglielmo Marconi, gelang am 18. Januar 1903 die erste öffentliche, drahtlose, transatlantische Kommunikation: Marconi tauschte von der Marconi Wireless Station auf Cape Cod, Grußbotschaften zwischen US-Präsident Theodore Roosevelt und dem König von England Eduard VII. aus.

Weshalb es dort noch heute den Marconi-Beach gibt!

Von Boston bis Nantucket

Die beste Ehefrau von allen am Marconi-Beach auf Cap Code
Die beste Ehefrau von allen am Marconi-Beach auf Cap Code

Auch Herr Häkelschwein war damals dabei. Am Marconi-Beach auf Cap Code
Auch am Ende der Welt dabei: Herr Häkelschwein. Am Marconi-Beach auf Cap Code.

Abgesoffen? – Das Internet und die Kultur im Meer?

Auf der weiten Reise, von einem Ende des Meeres zum anderen, tauchen selbstverständlich weitere Fragen auf. Zum Beispiel: gibt es eine Hitliste der Dinge im Meer, die der Mensch besonders gut gebrauchen kann? Seien es die Strömungen (Wetter), das Salz darin, Fische und Krustentiere als menschliche Nahrungsgrundlage? Die Bodenschätze (Bohrinseln)?

Oder sind umgekehrt die Dinge wichtiger, die der Mensch dem Meer hinzugefügt hat?

Dabei soll ausnahmsweise nicht das Thema Müll im Vordergrund stehen. Vielleicht denken wir an all die Toten, die es auf See gegeben hat, all die Kanonenkugeln die hineingeplumpst sind, Torpedos die nicht Ihr Ziel gefunden haben, Schiffe die gesunken sind, all die Schätze auf dem Grund des Meeres. Sogar versunkene Inseln, Städte, ja ganze Erdteile. So es Atlantis denn gegeben hat….

Verbleiben wir zum Schluss aber bei einem jener Dinge, ohne die es diese ganze Geschichte und die zugehörige Blogparade gar nicht gäbe. Dem Internet. Lägen keine Kabel im Meer, die der Mensch dem Meer bewusst und mit großem Aufwand hinzugefügt hat – um den Informations-Austausch zwischen den Kontinenten wäre es miserabel bestellt.

Wer vorhin schon dachte, mit Marconi bereits beim WLAN oder womöglich bei der heute gerne in Anspruch genommenen Cloud angekommen zu sein, ist leider schief gewickelt. Auch wenn wir uns an die Wolke, als Symbol für die Cloud, längst gewöhnt haben.

Jedoch: Noch immer werden über 99 Prozent des interkontinentalen Austausches über Kabel abgewickelt (der Link führt zu einer interessanten Reportage von ARTE zum Thema Hochseekabel).

Diese 400 Kabel – ein Netz mit einer Gesamtlänge von (derzeit) mehr als 1,3 Millionen Kilometern – sind meist tausende von Kilometern lang und werden teilweise sogar eingegraben, um ihre Zerstörung durch Schleppnetze zu verhindern.

Leider gibt es kein Hochseekabel von Kap Finesterre nach Cap Code, was meinen Beitrag schön abgerundet hätte. Aber Sie werden sicher Spaß haben, mit der folgenden, interaktiven Weltkarte aller Internet-Unterseekabel.

Ende der Welt? Gibt es nicht! – Das zeigt die Interaktive Weltkarte aller Internet-Unterseekabel

Ein Klick auf die Vorschaukarte führt Sie zur Webseite submarinecablemap.com. Dort bekommen Sie weitere Infos über die verlegten Kabel. Vergrößern Sie die Karte (gleich auf der Startseite) zunächst und warten Sie ab, bis die Webseite richtig geladen ist. Dann können Sie die bunten Linien anklicken und erhalten Informationen über deren Länge, ihre Bezeichnung, ihre Besitzer.

Oder hätten Sie gewusst, dass das blaue Kabel “MAREA” zwischen dem spanischen Bilbao und dem US-ameri­ka­nischen Virginia Beach 6.605 km lang ist und Facebook, Microsoft und Telxius gehört?
© submarinecablemap.com

KARTE: © submarinecablemap.com

Ein Sonnenuntergang zum Schluss
Ein Sonnenuntergang zum Schluss – Von einem Ende der Welt zum anderen

In meinem ersten Beitrag zur Blogparade geht es um Märchenhaftes! Wie das Salz ins Meer kam – #dhmmeer

———————-
²) Die Jugendausgabe von Moby Dick in meinem Besitz, erschienen 1950, beginnt mit: “Ihr könnt mich Ismael nennen!”

A N Z E I G E

Praktische, kleine Menge:

-carb Xanthan200 g

Letzte Aktualisierung am 18.11.2018 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API


Related Posts

Der Weinbrunnen am Jakobsweg. Die Bodega

Der Weinbrunnen am Jakobsweg. Die Bodega

Manchmal versinkt man in seinen Erinnerungen und wird womöglich sogar sentimental. Das kann auf ganz unterschiedliche Weise geschehen. Heute auf jeden Fall anders als früher. Musste man einst in verstaubten Fotoalben blättern, in denen es zu bestimmten Er­eig­nissen einige wenige Aufnahmen gab und ließ dadurch eine Erinnerung wieder aufleben, neigt der moderne Mensch immer mehr dazu, sein Leben möglichst lückenlos zu dokumentieren.

Kulinarische Abenteuer? – Die Krake aus dem Kupferkessel

Kulinarische Abenteuer? – Die Krake aus dem Kupferkessel

Für manche Leute gibt es nichts schlimmeres als Käse. Andere begnügen sich damit, sich vor Blutwurst zu grausen. Und wieder andere finden es ganz, ganz schlimm, wenn Hunde oder Ratten gegessen werden. Den “besten” Freund des Menschen zu verspeisen ist zwar auch für mich eine Sache, die ich mir nicht vorstellen kann, aber man begeht leicht den Fehler derartig Unvorstellbares in Gedanken gleich ganz weit weg zu schieben.



3 thoughts on “Das Meer – Von einem Ende der Welt zum anderen”

  • Hi Peter,

    du überrascht mich mit deiner Gedankenwelt immer wieder. Dein Artikel und der von Museum Burg Posterstein (Nr. 21) ergänzen sich perfekt. Während das Museum die Historie der Altenburger im “neuen Land” nachzeichnest, knüpfst du ähnlich, aber doch ganz anders an. Die Mischung aus persönlicher Erfahrung und Gefühlswelt, mit Recherche bei der du Historie und Modernität verbindest, finde ich absolut klasse!

    Merci für deinen zweiten Beitrag zur Blogparade des Deutschen Historischen Museums!

    Herzlich,
    Tanja

    • Danke Tanja. Freut mich natürlich, wenn es Dir gefällt.
      Den Beitrag “Meer und Migration im 19. Jahrhundert – wie sich Auswanderer aus Sachsen-Altenburg in den USA eine neue Heimat aufbauten” habe ich gestern schon mit Interesse gelesen.

      LG, Peter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.