Wien: Besuch im Café Central

Im Café Central in Wien

Es gibt zahlreiche Errungenschaften in unserer Zeit, die ich wirklich „superklassetoll“ finde. Was absolut nicht dazu gehört, ist die stets fortschreitende Amerikanisierung unserer Gesellschaft. Namentlich erwähnt werden soll an dieser Stelle die Unsitte, ein sehr uraltes Kulturgetränk, um das an anderer Stelle (nämlich beim Kauf von sündhaft teueren Maschinen) ein echter Riesenzirkus gemacht wird, in profane Pappbecher zu schütten um damit in jeder Lebenslage seinen persönlichen Koffeinspiegel hochhalten zu können.

Ich hasse dieses ewige Genuckel an einer kleinen Plastiktülle, die dem „ToGo“ übergestülpt wird. Diese Überallverfügbarkeit. Und die Schilder auf denen „to go“ steht. Und ich wünsche jedem Anzugträger im Bahnhof, der mit seinem Pappbecher dem nächsten ICE zustrebt, dass er sich die braune Brühe über das weiße Businesshemd schüttet.

Ich finde es dagegen großartig, dass man, zum Beispiel in Wien, schon im Jahr 1794, also nur drei Jahre nach dem Tod von Wolfgang Amadeus Mozart damit begonnen hat, eigens Häuser um die Kaffeetasse zu bauen. Kaffeehäuser eben. Und noch besser finde ich, dass es zahlreiche dieser Traditionshäuser immer noch gibt. Dort kein Kaffee im Pappbecher zu haben ist. Nirgends „to go“ zu lesen steht.

Nachdem ein erneuter Besuch Wiens schon seit mindestens fünf Jahren auf unserer amerikanisierten „ToDo“-Liste stand, ergriffen wir am letzten Novemberwochenende die Gelegenheit beim Schopf und brausten mit dem ICE von Stadt zu Stadt.

Der Plan sah den Besuch mehrer Kaffeehäuser, des Zentralfriedhofs und des Musicals „Elisabeth“ vor. Die Auswahl der Kaffeehäuser enthielt als Pflichtprogramm das Café Central, alle anderen ergaben sich wie von selbst. Einmal war es der G’lust auf was Süßes und auf ein Tässchen „Brauner“ im Café Diglas, einmal das Frühstück im Café Schwarzenberg, zuletzt trieb uns die Neugier ins Café Landtmann. Das Café Hawelka mit seinen nächtlichen Buchteln kennen wir schon von früher, ebenso wie das Sacher. Vielleicht berichte ich auch noch vom Reinfall im Café Eiles, was aber nicht sein muss, ebensowenig wie ein Besuch dort.

Das Café Central in Wien steht in fast jedem Reiseführer. Es ist eines der ältesten Kaffeehäuser Wiens, gerade 300 Meter von der Wiener Hofburg entfernt, mitten in der Stadt. Palais Ferstel nennt man das Gebäude, in dem sich früher die Wiener Börse befand und in dessen Räumlichkeiten das Café 1876 eröffnete.

Die Vorstellung, dass all die Künstler, Intellektuellen und Philosophen, darunter Arthur Schnitzler, Leo Trotzky oder auch Sigmund Freud, die in diesem Café einst verkehrten, ihren Kaffee heute eventuell aus Pappbechern schlürfen würden, lässt mich gerade schaudern….. Aber nein. Hier gibt es so etwas nicht.

Hier gibt es dafür einen ganzen Schwarm von stilgerecht gekleideten Obern, die den Andrang in dem Café souverän meisten. Vor dem Café eine scheinbar nie endende Schlange von Touristen, die bei unserem Aufenthalt stets um die 20 Personen pendelte, und die mit uns geduldig auf den nächsten freien Platz warteten.

Genossen haben wir den sehr freundlichen Herrn Ober, die imposante Säulenhalle, einen ausgezeichneten Apfelstrudel und ein Tässchen Brauner, bzw. eine Melange. Über die Preise will ich hier nicht diskutieren. Sie liegen aber (gefühlt) noch etwas unter dem, was wir schon vor 25 Jahren auf dem Markusplatz in Venedig bezahlt haben…. – Fazit: wir kommen wieder.

Geöffnet von Mo bis Sa: 7.30-22.00, So: 10.00-22.00 Uhr
Zu finden in Wien, Herrengasse 14, nahe der Haltestelle Herrengasse der Linie U3

Im Café Central in Wien
Das Kuchenbüffet im Café Central in Wien lässt kaum Wünsche offen. Im Bild nur ein Ausschnitt

Im Café Central in Wien
Säulen im Café Central in Wien. Mir gefällt das.

Im Café Central in Wien
Es herrscht eine sehr gediegene Atmosphäre im Café Central in Wien

Im Café Central in Wien
Die Gäste im Café Central in Wien kommen aus aller Herren Länder

Im Café Central in Wien
Köstlicher Apfelstrudel mit Vanillesoße im Café Central

Im Café Central in Wien
Viel besser als ihr Ruf: die Herren Ober…. im Café Central in Wien

5 Antworten : “Wien: Besuch im Café Central”

  1. Als ich im November 1997 im Café Central war, habe ich es schon genauso empfunden, wie Sie es jetzt beschreiben: Sehr teuer, aber absolut lohnend. Allerdings gab es damals keinen solchen Andrang. Wir konnten uns direkt zu einem Tisch führen lassen und dort dann auch ganz in Ruhe bei Melange und Sachertorte die wundervolle Atmosphäre genießen. Wenn ich jetzt im März wieder nach Wien fahre, werden wir sicherlich auch dieses Kaffeehaus aufsuchen.
    Gourmandise

  2. Leticia sagt:

    Vielleicht lag es ja wirklich an der hohen Erwartungshaltung und den vielen Vorschusslorbeeren – aber ich war bei meinem letzten Besuch in Wien enttäuscht vom Café Central.

    Das lag aber auch zu einem großen Teil an den äußeren Umständen. Erschreckend war der große Andrang: Es gab eine lange Schlange vor dem Cafe und wir mussten ewig warten, bis wir mal einen Tisch zugewiesen bekamen (neben den Lokus- vielen Dank :)).
    Wirklich unfair fande ich, die unfreundliche Bedienung, die wirklich alles dafür tat uns das Gefühl zu geben, als junge (Backpacker-) Touris in ihrem ach so eleganten und bedeutungsträchtigen Ort nicht willkommen zu sein.

    Und die Sachertorte… Naaaaja 😉

    • Der Andrang war auch bei mir groß.
      Alles andere ist natürlich ein Frage der persönlichen Wahrnehmung, des jeweiligen Kellners und auch des subjektiven Geschmackserlebnisses.
      Dass in einem stilvollen Etablissement die entsprechende Kleidung der Gäste vorausgesetzt wird, halte ich nicht für verwerflich.

  3. Sehr geehrter Herr Spandl!
    Vielen Dank für Ihr tolles Feedback über den Besuch bei uns im Café Central – ich/wir freuen uns sehr darüber. Habe mir auch erlaubt, Ihren Bericht an unserem Mitarbeiter-Board auszuhängen – zum analogen Genuß sozusagen!
    Herzliche Grüße aus Wien und besten Dank!
    Alfred Flammer, GF Café Central Wien

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