Der Feinkost Magazineur

Feinkost Magazineur

Ich könnte an dieser Stelle jetzt ein Rezept aus Österreich vorstellen, das etwas mit Palatschinken, Schokoladenmousse und Steirischen Kürbiskernen zu tun hat. Es würde dann um ein Dessert mit dem schönen Namen Palatschinken als Schokoladen-Lasagne gehen. Und es wäre korrekt, wenn ich diesen Gedanken weiterverfolgen würde, denn schließlich soll dies ein Beitrag zum Blog-Event von Susis Blog Prostmahlzeit werden. „Österreich kulinarisch“ heißt das Thema.

Ich habe dieses Rezept auch schon mal zubereitet, das Beweisfoto dazu sieht man oben. Allerdings verspüre ich derzeit wenig Lust, dieses Rezept hier auszuformulieren, Mengenangaben zu machen und Anweisungen zu geben, die der geneigten Leserin, oder dem geneigten Leser dabei helfen, ihre/seine Gäste mit diesem Rezept zu erfreuen. Ich hole das nach. Versprochen!

Kürbiskerne

Da in dem Rezept auch noch Kürbiskerne vorkommen sollten, die in großer Zahl in der Steiermark wachsen, wäre ich immer noch beim Thema Österreich. Ich könnte also weiter über die beliebten Ölkürbisse schwadronieren, aus denen in großen Betrieben maschinell, und in kleinen Betrieben die Kerne immer noch per Handarbeit herausgepult werden – um am Ende daraus Kürbiskernöl zu gewinnen.

Allerdings habe ich mich über das Dessert-Rezept, und auch über mich selber, sehr geärgert. Warum und weshalb soll aber ein andermal erzählt werden, denn das würde den Rahmen eines Blogbeitrags sprengen.


Viel wichtiger ist es mir, den österreichischen Feinkost-Magazineur vorzustellen. Sein Job hat zwar nur ganz am Rande etwas mit dem kulinarischen Österreich zu tun. Aber er trägt auf jeden Fall eine sehr schöne Berufsbezeichnung. Feinkost-Magazineur! Sowas gibt es nur in Österreich. Ja küss‘ die Hand, gnä‘ Frau.

Der Feinkost-Magazineur um den es gehen soll, war der Herr Karl. Eine Figur die der österreichische Kabarettist und gnadenloser Menschenkenner Helmut Qualtinger, ein Meister der Doppeldeutigkeiten, im Jahr 1961 ins österreichische Fernsehen brachte.

Helmut Qualtinger
Szenenfoto: Helmut Qualtinger in seiner Rolle als Feinkost Magazineur „Herr Karl“

Spezialitäten aller Länder vereinigt Euch

Obwohl ein österreichischer Theaterkritiker vor der Ausstrahlung am 15. November 1961 (im Hauptprogramm des Abends) die Zuschauer mit beschwichtigenden Worten darauf vorbereitete, dass jetzt gleich etwas besonderes auf den Bildschirmen des Landes zu sehen sei, nützte das wenig.

Die Nation hielt zunächst den Atem an, machte dann aber, noch während die Sendung lief, in der Telefonzentrale des Senders ihrer Wut Luft. Eine wahre Flut von Briefen wurde an den Sender und Tageszeitungen geschickt, Leserbriefe füllten die Spalten, den Fernsehdirektor wünschte man sich gar in die Verbannung nach Sibirien.

Dabei erzählte Helmut Qualtinger in dem Stück nur eine fiktive, österreichische Lebensgeschichte, die natürlich auch eine deutsche hätte sein können. Aber was für eine! Er stellte den Feinkost Magazineur, Herrn Karl dar, der in dem ganzen Stück nichts anderes tut als im Keller (Magazin) eines Feinkostgeschäfts, Waren mit kleinen Handgriffen hin und her zu rücken.

Dabei wurde im Verlauf seines Monologes, der eine knappe Stunde dauert, auf satirische Art und Weise ein gesinnungsloser Opportunist sichtbar, in dem sich scheinbar weite Teile einer ganzen Generation wiedererkannten.

Ein gnadenloser Wendehals, der grausam immer auf Kosten anderer lebt. Materiell wie emotional. Er ist ein ungebildeter Prolet, feige und arbeitsscheu, ein Mitläufer ohne eigene Überzeugungen. Einerseits zwar nur ein kleiner Gauner, der die Banalität des Bösen aber viel deutlicher verkörpert als viele Kriegsverbrecher, die zur damaligen Zeit schon ihr Schäfchen ins Trockene gebracht hatten und durch alle Fangnetze geschlüpft waren.

Qualtinger gab einen unappetitlichen, verschwitzten Motzer, mit kleinem Oberlippenbart und Hut. Er stellte die Figur durch eine ganz genau abgestimmte Mischung aus Stimme, Sprache, Mimik und Gestik bloß.

Der Kulturkritiker Paul Blaha schwärmte damals im Express: »Dafür gibt es keine Steigerung. Das ist das Spiegelbild einer Volksseele, Gleichnis und Demaskierung einer Mentalität. Das steht einzig und unvergleichlich da.« Die Republik Österreich war wegen dieser Geschichte – ihrer eigenen Geschichte – aber wochenlang aus den Fugen geraten.

Es gibt heutzutage natürlich die Möglichkeit diese Sendung bei Youtube anzusehen, allerdings kann diese (vermutlich aus rechtlichen Gründen) hier nicht eingebettet werden.
Eine weiterer Qualtinger-Fan hat das Stück in drei Teile zerschnitten, ebenfalls bei Youtube zu finden. Da die Videos aber nicht besonders viel Zugriffe haben, gehe ich davon aus, dass sie früher oder später nicht mehr erreicht werden können. Deshalb habe ich hier nur den ersten Teil eingebettet und empfehle das Video ansonsten zum Kauf.

Menschen die Feinkost Magazineure sind, gibt es heute nicht mehr. Aber Menschen die so sind wie dieser Feinkost Magazineur gibt es leider immer noch.

Teil 1Für meinen Freund Walter!

Blog-Event LXXXVIII - Oesterreich kulinarisch (Einsendeschluss 15. Juni 2013)

3 Antworten : “Der Feinkost Magazineur”

  1. Friederike sagt:

    Ich auch, ich schließe mich an!!!
    danke f.d. Erinnerung an den großartigen Qualtinger,
    das Rezept für das Kochevent ist hier Nebensache und hätte nicht dazu gepasst…

  2. Wenn du wüsstest, was für eine Freude du mir mit dem Hinweis auf Helmut Qualtinger und speziell dem Herrn Karl machst! Ich bin ein ganz großer Fan vom Qualtinger und habe den Herrn Karl erst in diesem Jahr wieder im Theater gesehen.

    Danke, lieber, lieber Peter!

    • Liebe Turbohausfrau,
      das konnte ich zwar nicht ahnen, aber ich finde es so genial wie er das gespielt hat…!
      Ein alter Deutschleher hätte an meinen Aufsatz wohl mit spitzem rotem Stift
      „Thema verfehlt!“ gekritzelt.
      Aber die Hauptsache ist, wenigstens wir beide haben trotzdem Freude daran.

      Mit leckerem Gruß, Peter

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